Leben auf dem Land – Teil 2: Wurzeln schlagen
- raupachkarl
- 30. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Mit den Jahren wurde das alte Haus Schritt für Schritt komfortabler – zumindest an manchen Stellen. Fertig ist es bis heute nicht. Es gibt immer noch Ecken, die auf eine nächste Idee, eine nächste Baustelle warten. Doch genau dieses Unfertige gehört längst dazu, so wie das Leben, das sich nach und nach um die Manufaktur herum entfaltet hat.
Aus den ersten Bekanntschaften im Dorf wurden Freundschaften. Menschen, die anfangs neugierig auf „die Neuen aus der Stadt“ blickten, wurden zu Wegbegleitern. Auch eine befreundete Familie aus Markranstädter Zeiten zog später nach. So wuchs nicht nur die Manufaktur, sondern auch das soziale Geflecht darum herum.

Der Hof wurde zu einem Ort der Begegnung. Immer wieder fanden hier Feste statt – lange Tafeln im Freien, Musik, Kinder, Gespräche bis tief in die Nacht. Freunde und Verwandte nutzten den besonderen Rahmen sogar, um hier zu heiraten. Der Ort, der einst Gasthaus gewesen war, wurde wieder zu einem Platz für Gemeinschaft, nur auf ganz andere Weise.

Auch junge Menschen kamen ins Haus. Studierende der Burg Giebichenstein absolvierten ihre Praktika in der Manufaktur. Manche blieben nur ein paar Wochen, andere bis zu einem Jahr. Sie lebten und arbeiteten mit der Familie zusammen, teilten Alltag, Werkstatt, Küche und Hof. Sie prägten die Manufaktur – und wurden selbst von dieser Zeit geprägt.
Gleichzeitig blieb der wirtschaftliche Alltag fordernd. Märkte und Messen bildeten weiterhin die Grundlage für den Verkauf. Strategien wurden entwickelt, verworfen, neu gedacht. Baumaßnahmen halfen, die Abläufe zu verbessern: Der große Saal wurde etwas verkleinert, wodurch dringend benötigter Lagerraum für den Versand entstand. Die Manufaktur wuchs mit ihren Aufgaben.

Neben den bereits anwesenden Katzen zogen bald auch zwei Pferde bei uns ein. Die Kinder verbrachten ohnehin die meiste Zeit draußen. Das Grundstück, die Scheune, der Garten und die umliegenden Wege waren ihr natürlicher Lebensraum. Später wurden die Schulwege länger, die Busfahrten gingen bis nach Riesa. Als Teenager fuhren sie mit dem Zug nach Dresden oder Leipzig zu Konzerten und Freunden – und kamen doch immer wieder gern zurück aufs Dorf.

Auch musikalisch wuchs etwas heran. Aus vereinzelten Jam-Sessions wurden regelmäßige Proben. Man vernetzte sich mit anderen Menschen aus der Umgebung, die ebenfalls gern Musik machten. Ulrich gründete gemeinsam mit anderen Interessierten ein Festival für Improvisationsmusik. Heike war eine der Ersten mit einer Ukulele in der neu entstandenen Ukulelenband. Musik wurde, wie das Porzellan, Teil des Alltags.

Wer abends oder nachts am Haus vorbeikam, sah oft noch Licht in den Werkstätten. Die Raupachs arbeiteten viel, oft bis spät in die Nacht. Urlaub gab es selten. Doch das wurde nicht als Mangel empfunden. Das Leben spielte sich hier ab – zwischen Werkbank, Hof, Garten und Menschen.

Auch digital begann eine neue Zeit: Eine erste Homepage entstand, noch ohne richtigen Shop, aber als Fenster in die Welt. Gleichzeitig wurde der Garten immer mehr zu dem, was er heute ist: ein wilder, lebendiger Ort. Der Rasen hätte öfter gemäht werden können, doch zwischen hohen Gräsern, Beeten und Sträuchern wuchsen Johannisbeeren, und überall war Leben. Für Kinder blieb er Abenteuerspielplatz, für die Erwachsenen Rückzugsort.
An lauen Sommerabenden saß man am Lagerfeuer, blickte über das Feld auf den dahinterliegenden Wald, den Bärenbruch, und spürte, wie sehr dieser Ort Teil des eigenen Lebens geworden war.

Nicht alle Zeiten waren leicht. Das Konzept einer handwerklich arbeitenden Manufaktur macht nicht reich. Zweifel gehörten immer wieder dazu. Und doch wuchs mit den Jahren etwas, das sich nicht in Zahlen messen lässt: Lebensqualität, Verbundenheit, Sinn.



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